Unterschätztes Riskio

Gehirnerschütterung im DH-Sport

In dieser eher ruhigen Zeit wollen wir uns einem wichtigen Thema widmen, dass in unserem Sport häufiger vorkommt und nicht auf die leichte Schulter genommen werden soll. Eine Gehirnerschütterung kann langanhaltende Folgen haben und mit jeder weiteren steigt das Risiko für verheerende Folgen exponentiell an.

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Gehirnerschütterungen sind Verletzungen des Gehirns, die häufig unterschätz, nicht erkannt und richtig behandelt werden. Auf Grund dessen kommt es immer wieder zu langanhaltenden und lebenseinschränkenden Folgen. Da die Chance einer Gehirnerschütterung für Mountainbiker sehr hoch ist, gilt es das Bewusstsein für die richtige Behandlung und die Ernsthaftigkeit zu stärken.

Schädel-Hirn-Traumata

Eine Gehirnerschütterung ist ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT). Bei einem SHT kommt es zu einer Verletzung des Schädels mit oder ohne Fraktur, die Folge ist eine Schädigung des Gehirns. Die SHT werden Anhand der Glasgow-Koma-Skala in drei Schweregrade unterteilt. Eine Gehirnerschütterung wird auch als leichte Schädel-Hirn-Traumata bezeichnet und wäre dann ein SHT Grad 1. Die SHT Grad 2 werden als mittelschwer benannt, während die SHT Grad 3 schwere Schädel-Hirn-Traumata sind.

Das Gehirn steuert alles in unserem Körper, auf Grund dessen sollte man besonders darauf achten. Das Gehirn steuert alles in unserem Körper, auf Grund dessen sollte man besonders darauf achten.

Symptome und Vorgehensweise

Gehirnerschütterungen sind meistens die Folge eines Sturzes oder eines starken Aufpralles des Kopfes. Die häufigsten Symptome sind unter anderem Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrationsschwierigkeiten, Hals- und Nackenschmerzen sowie Übelkeit oder Erbrechen. Früher ist man davon ausgegangen, dass eine Gehirnerschütterung nur vorliegt, wenn der/die Betroffene das Bewusstsein verliert. Es ist mittlerweile allerdings bekannt, dass Bewusstlosigkeit nur selten auftritt. Häufig treten die Symptome einer Gehirnerschütterung erst 6-12 Stunden nach dem Ereignis auf, deswegen sollten man auch 24 Stunden nach dem Sturz noch auf Symptome achten. Falls beispielsweise bei einem unserer Rennen der Verdacht auf eine Gehirnerschütterung besteht, sollte der/die Fahrerin schnellstmöglich einem Arzt vorgestellt werden. Betreffende sollte man mit erhöhtem Oberkörper hinlegen. Das Bewusstsein muss die ganze Zeit beobachtet werden und man sollte mit ihm/ihr sprechen, um gegebenenfalls zu beruhigen. Falls der/die Verletzte einen Helm trägt, darf dieser nicht von einem Dritten abgesetzt werden, außer man ist speziell dafür ausgebildet.

Crash - GDC Bad Wildbad 2013

Behandlung

Die beste Behandlung ist körperliche und geistige Ruhe, um dem Gehirn Zeit zur Erholung zu geben. Laut der Apotheken Umschau heilen 97 Prozent aller Gehirnerschütterungen in einem Zeitraum von vier Wochen. In dieser Phase kann die Belastung langsam gesteigert werden. Bei Verschlechterung des Zustandes sollte die Belastung allerdings wieder verringert werden. Während der Erholungsphase sollte weder Alkohol noch Drogen konsumiert werden, des Weiteren sollte in den ersten Tagen kein Fahrzeug geführt werden. Für die zukünftige Gesundheit ist es essentiell, die Gehirnerschütterung komplett abheilen zu lassen und sich nicht frühzeitig potentiellen Schlägen auf den Kopf auszusetzen. Wann eine vollständige Einsatzbereitschaft wieder hergestellt ist, kann nur ein Arzt entscheiden.

Postkommotionelles Syndrom

Bei dem postkommotionellem Syndrom (eng: „post-concussion syndrome“ – PCS) handelt es sich um viele verschiedene Symptome, die man sich durch eine Gehirnerschütterung zuziehen kann. Diese Symptome können Wochen, Monate, Jahre oder das ganze Leben lang andauern. Der Verein " Kopf Hoch e.V. - aktiv gegen gehirnerschütterungen" gibt bezüglich des PCS bekannt, dass 15 Prozent aller Personen, die ein SHT 1. Grades erleiden, dieses Syndrom entwickeln. Die Symptome dieses Syndroms treten am häufigsten in den folgenden vier Teilbereichen auf: kognitive, körperliche und emotionale Probleme sowie Schlafschwierigkeiten. Der Auslöser für dieses Syndrom ist noch unbekannt. Die Experten sind sich jedoch einig, dass die Chance auf ein PCS mit jeder erlittenen Gehirnerschütterung steigt. Das postkommotionelle Syndrom ist nicht behandelbar, nur die einzelnen Symptome können kuriert werden.

Second Impact Syndrom

Ist die Gehirnerschütterung noch nicht ausgeheilt und der Kopf bekommt einen weiter Schlag („second impact“) ab, kann es zu einem Anschwellen des Gehirns kommen (Hirnödem). Schon leichte Schläge können zum Second Impact Syndrom führen und schlimme Folgen, wie körperliche und geistige Schäden, mit sich ziehen. Vor allem im Mountainbike Bereich ist das Risiko für ein Second Impact Syndrom gegeben. Falls es während eines Rennens zu einem Sturz und einer damit verbundenen Gehirnerschütterung kommt, möchte der/die Fahrer*in häufig das Rennen beenden. Damit setzt er/sie sich einem möglichen weiteren Aufprall aus. In diesem Fall sollte die Gesundheit von größerer Bedeutung sein als der sportliche Erfolg.

Auch wenn man vor ein paar Tagen gestürzt ist, kann das noch Auswirkungen auf das Gehirn haben und sollte deshalb nicht unterschätzt werden. Auch wenn man vor ein paar Tagen gestürzt ist, kann das noch Auswirkungen auf das Gehirn haben und sollte deshalb nicht unterschätzt werden.

Chronisch Traumatische Enzephalopathie

Bei wiederholten Hirnverletzungen kann es zu einer Chronisch Traumatischen Enzephalopathie (CTE) kommen. Die CTE ist eine Gehirnkrankheit mit demenzähnlichen Ablagerungen in den Zellen. Bei einer Untersuchung von verstorbenen American Football Spielern zeigten sich diese Ablagerungen. Diese Spieler litten häufig an Wutausbrüchen, Veränderung des Charakters, Depressionen und teilweise Demenz. Selten kam es auch zu Suizid der/die Betroffenen.

Aufmerksamkeit für SHT Grad 1

In verschiedenen Sportarten gibt es eine gesteigerte Aufmerksamkeit hinsichtlich der Ernsthaftigkeit und der Folgen von Gehirnerschütterungen. Um die Anzahl der Gehirnerschütterungen zu reduzieren hat die National Hockey League Maßnahmen wie Aufklärung der Spieler*innen über Gehirnerschütterungen und ihre Folgen eingeführt.

Auch der DFB hat Hirntests ab der Saison 19/20 für alle 1. und 2. Bundesliga Spieler verpflichtend eingeführt. Hierbei werden vor Beginn der Saison verschiedene Teilbereiche der Gehirnfunktion, wie Balance und Merkfähigkeit, untersucht. Falls ein Verdacht auf eine Gehirnerschütterung vorliegt, kann der Mannschaftsarzt die untersuchten Teilbereiche überprüfen. Sind Abweichungen vorhanden, kann der Arzt zu einer genaueren Diagnose kommen. Der Spieler wird erst wieder eingesetzt, wenn der Normalzustand erreicht ist.

Seit fast einem Jahr hat Anneke Beerten mit den Folgen ihrer Gehirnerschütterung zu kämpfen. Seit fast einem Jahr hat Anneke Beerten mit den Folgen ihrer Gehirnerschütterung zu kämpfen.


Ein aktuelles Beispiel für langanhaltende Folgen einer SHT 1. Grades ist die bekannte und sehr erfolgreiche Mountainbikerin Anneke Beerten. Sie erlitt bei einem Autounfall im August letzten Jahres eine Gehirnerschütterung. Sie ist zuerst davon ausgegangen, dass die Gehirnerschütterung keine schweren Folgen mit sich ziehen würde und sie nach kurzer Zeit wieder im Sattel sitzt. Allerdings hatte sie die Gehirnerschütterung unterschätzt. Einige Stunden nach ihrem Unfall traten Kopfschmerzen, Sprachprobleme, Gedächtnisdefizite und ein versteifter Nacken auf. Sie bekam Reisekrankheiten wie Übelkeit und Schwindel. Sie wurde aus ihrem aktiven Leben gerissen und hatte plötzlich keine Energie mehr. Die kleinsten Dinge fielen ihr schwer, sogar Licht oder Geräusche zehrten an ihrer Kraft. Um herauszufinden in welchem Bereich die Hirnverletzung ist und wie schwer diese ist, wurde sie in eine Reha für Schädel-Hirn-Traumata überwiesen. Nach einem zweistündigen Test war klar, ihr Gleichgewichtsorgan und ihr Sehvermögen waren stark beeinträchtigt und funktionierten nicht zusammen. Anneke ist auf einem guten Weg der Besserung und hat in ihrer Genesung schon große Fortschritte gemacht, um ihrer Leidenschaft möglichst bald wieder nachgehen zu können.

Anneke Beerten ist nicht das einzige Beispiel aus der Mountainbike Szene. Im Jahr 2015 stürzte die sehr talentierte BMC-Elite-Fahrerin Lorraine Truong bei einem EWS-Rennen und zog sich eine Gehirnerschütterung zu. Auch sie hat immer noch mit den Folgen zu kämpfen. Wer Näheres dazu wissen will, findet hier einen Artikel des ENDURO Mountainbike Magazine

Prävention

Es gibt verschiedene Faktoren, die man selbst bestimmen kann, um eine Gehirnerschütterung zu vermeiden. Essentiell ist dabei zum einen die richtige Ausrüstung. Es sollte vor Allem darauf geachtet werden, dass man beispielsweise einen hochwertigen und zertifizierten Helm trägt. Ein Helm muss nach einem harten Aufprall ausgetauscht werden, um maximalen Schutz zu bieten. Zum anderen kann man die Sturz-Technik trainieren, um sich intuitiv im Fall der Fälle richtig abzurollen. Die Stärkung der Muskulatur im Hals- und Nackenbereich ist ebenfalls eine gute Vorsorge. Trotz aller Präventionsmaßnahmen kann es zu Schädel-Hirn-Traumata mit schweren Folgen kommen. Eine Verletzung des Gehirns ist nicht zu unterschätzen, denn es kann das gesamte Leben und die Lebensweise der betroffenen Person einschränken.

An dieser Stelle möchten wir auf eine kostenlose App („Gehirn-Erschütterungs-Test-App“) hinweisen, die es jedem ermöglicht mit Fragen und verschiedenen Tests eine eventuelle Gehirnerschütterung zu erkennen. Die App ist kompatibel mit IOS und Android Geräten. Das Ergebnis des Tests ist keine ärztliche Diagnose, deshalb sollte zusätzlich ein Arzt informiert werden.

Cycling New Zealand hat eine Pocket Card erstellt, die gut zusammenfasst, wie man bei einer möglichen Gehirnerschütterung vorgehen sollte. Cycling New Zealand hat eine Pocket Card erstellt, die gut zusammenfasst, wie man bei einer möglichen Gehirnerschütterung vorgehen sollte.


Für weitere Informationen:

https://www.spiegel.de/sport/eishockey/nhl-ehemaliger-nhl-goalie-tim-thomas-ueber-schwere-hirnverletzungen-a-1301120.html

https://www.apotheken.de/krankheiten/4713-gehirnerschutterung

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